Die häufigste Frage in meiner Inbox lautet nicht „Wie gut?“, sondern „Was kostet das?“ – und genau darauf bekommen Auftraggeber selten eine klare Antwort. Ich nenne meinen Satz hier offen: ab 0,85 € pro Normzeile. Dieser Artikel erklärt, was dahintersteckt, wie Sie ihn nachrechnen und wann er steigt oder sinkt.
Der Preis, den die meisten Übersetzer nicht nennen wollen
Wer drei Angebote für eine Fachübersetzung einholt, bekommt oft drei Sätze in drei verschiedenen Einheiten: einer rechnet pro Wort, einer pro Zeile, einer nennt eine Pauschale ohne Herleitung. Vergleichbar ist das nicht, und das ist selten ein Zufall. Projektmanagerinnen erzählen mir regelmäßig von zwei Mustern: dem vagen „kommt darauf an, schicken Sie mal alles“ – und der Überraschung auf der Rechnung, weil Eilzuschlag, Formataufbereitung oder eine zweite Korrekturschleife erst hinterher auftauchen.
Ich halte das für vermeidbar. Seit 2008 übersetze ich hauptberuflich, über 7.000 Aufträge sind es inzwischen, der überwiegende Teil Geschäfts- und Lageberichte für DAX- und MDAX-nahe Kunden. Die Preislogik ist in all den Jahren dieselbe geblieben: eine klar definierte Abrechnungseinheit, eine transparente Match-Staffel, benannte Zuschläge. Wer für ein Budget eine belastbare Zahl braucht, soll sie vorab bekommen – nicht nach dem Liefertermin.
Was ist eine Normzeile?
Die Normzeile ist die übliche Abrechnungseinheit im deutschsprachigen Übersetzungsmarkt. Sie umfasst 55 Anschläge inklusive Leerzeichen – also gezählte Zeichen, nicht Wörter. Die Wurzeln liegen in der alten Übersetzungsnorm DIN 2345; auch der Gesetzgeber rechnet im JVEG mit „jeweils angefangenen 55 Anschlägen“ und macht den Text in der Zielsprache zum maßgeblichen Maß.
Den Wert können Sie selbst prüfen: In Word zeigt „Wörter zählen“ die „Zeichen (mit Leerzeichen)“. Diese Zahl geteilt durch 55 ergibt die Normzeilen. Bei einem englischen Zieltext mit 27.000 Zeichen sind das rund 491 Normzeilen. Mehr Rechnung steckt nicht dahinter.
Warum überhaupt Zeichen statt Wörter? Weil die Normzeile den Aufwand der Übersetzung misst und nicht die Wortzahl der Vorlage. Gerade bei Deutsch↔Englisch driften Ausgangs- und Zieltext strukturell auseinander: Ein Kompositum wie „Punktschweißroboter“ oder „Einkommensteuer-Durchführungsverordnung“ zählt im Deutschen als ein einziges Wort, im Englischen werden daraus drei, vier oder fünf. Genau deshalb hält der BDÜ die Wortabrechnung für deutsche Texte für weniger geeignet. Die Zeichenzählung macht solche Verzerrungen unsichtbar – ein Anschlag bleibt ein Anschlag.
Normzeilenpreis vs. Wortpreis: die versteckte Umrechnung
Wortpreise wirken auf den ersten Blick handlicher – und sind genau deshalb schwer zu vergleichen. Erste Frage: Welche Wortzahl? Bei Deutsch→Englisch ist die Wortzahl ein wackeliges Maß. Gemessene Vergleiche zeigen mal mehr englische Wörter bei gleichzeitig weniger Zeichen (in einer Stichprobe 619 deutsche zu 682 englischen Wörtern, aber 7,5 % weniger Zeichen), Branchen-Faustwerte sprechen umgekehrt von 20 bis 30 % Wortschwund von Deutsch nach Englisch. Beide Richtungen kommen vor – je nach Textsorte. Die Zeichenzahl dagegen bleibt stabil. Deshalb rechne ich pro Normzeile.
Ein durchgerechnetes Beispiel. Sie geben einen 5.000-Wort-Auszug aus einem Lagebericht zur Übersetzung. Der englische Zieltext kommt auf rund 27.000 Anschläge inklusive Leerzeichen, also etwa 491 Normzeilen. Zu meinem No-Match-Basissatz von 0,85 €/Normzeile sind das rund 417 €. Ein Wettbewerber nennt Ihnen „nur 0,12 € pro Wort“ – klingt klein, ergibt auf 5.000 Ausgangswörter aber 600 €. Die kleinere Zahl pro Einheit war das teurere Angebot.
Meine Faustregel für den Zehn-Sekunden-Check: Eine englische Normzeile entspricht ungefähr 8 bis 9 englischen Wörtern. Ein Zeilensatz von 0,85 € liegt damit grob bei 0,10 € pro Wort. Wer Ihnen 0,18 € pro Wort nennt, liegt beim Doppelten – auch wenn die niedrigere Zahl pro Wort erst günstiger aussieht. Umgekehrt: einen Wortpreis mal 8,5 nehmen, dann steht der ungefähre Zeilenpreis daneben.
Was eine vollständige Fachübersetzung Deutsch–Englisch kostet
Eine vollständige Fachübersetzung Deutsch–Englisch für Geschäfts-, Lage- und CSRD-Berichte berechne ich ab 0,85 € pro Normzeile (55 Anschläge inklusive Leerzeichen, No-Match-Basissatz). Darin enthalten sind Terminologiepflege, eine Korrekturschleife, NDA-konforme Abwicklung auf EU-Servern und das Fachwissen zu IFRS, HGB und ESRS, das ein Bericht dieser Art verlangt. Die Mindestpauschale liegt bei 20 € – das entspricht etwa 24 Normzeilen, sinnvoll bei kurzen Aufträgen, bei denen Einrichtung und Prüfung den Aufwand bestimmen.
Zur Einordnung: Der JVEG-Grundsatz für editierbare Dateien liegt seit dem 1. Juni 2025 bei 1,95 € pro Normzeile, bei schwierigen oder nicht-editierbaren Texten bei bis zu 2,30 €. Der offene Markt reicht von 3 Cent bis 30 Cent pro Wort. Mein Basissatz liegt damit bewusst unter dem JVEG-Band – Spezialistenqualität unter dem gesetzlichen Vergütungssatz, weil ich in einem engen Fachgebiet mit gepflegten Translation Memories arbeite und nicht jeden Bericht bei null beginne.
Was MTPE-Nachbearbeitung kostet – und wann der Rabatt berechtigt ist
MTPE – das fachliche Nachbearbeiten einer maschinellen Vorübersetzung – berechne ich ab 0,51 € pro Zeile, also 60 % meines Normsatzes. Das ist ein echter Abschlag, kein Etikett: Bei geeigneten Texten ist der Tagesausstoß höher, und diesen Effizienzgewinn gebe ich weiter. Branchenüblich liegen MTPE-Abschläge je nach Bearbeitungstiefe zwischen 40 und 70 % des vollen Satzes; rund die Hälfte der Übersetzer gewährt allerdings gar keinen Rabatt, weil das Nachbearbeiten schlechter Rohausgabe genauso lange dauern kann wie eine Neuübersetzung.
Damit MTPE wirklich spart, müssen drei Bedingungen zusammenkommen:
- Die maschinelle Rohübersetzung ist sauber – beim Texttyp, den die Engine beherrscht, also eher technisch und repetitiv als idiomatische Vorstandssprache.
- Die Ausgangsterminologie ist konsistent, sodass die Maschine nicht bei jedem dritten Satz dasselbe Konzept anders benennt.
- Auf Auftraggeberseite besteht Toleranz für einen Nachbearbeitungs-Charakter: gründlich geprüft und korrekt, aber nicht bis ins letzte Stilkomma poliert wie eine Neuübersetzung.
Fehlt eine dieser Bedingungen, ist die Neuübersetzung am Ende günstiger als die Reparatur. In Umfragen nennen nur rund 12 % der Übersetzer die Maschinenausgabe „hochwertig“, zwei Drittel sagen „akzeptabel, aber mit erheblichem Korrekturbedarf“ – bei Geschäftsbericht-Sprache eher die zweite Kategorie. Wie ich für Geschäftsberichte zwischen Neuübersetzung und MTPE entscheide, beschreibe ich ausführlich auf meiner Leistungsseite.
Sechs Faktoren, die den Preis nach oben treiben
Der Basissatz ist der Ausgangspunkt, nicht die ganze Geschichte. Diese sechs Punkte erhöhen den Preis – jeder aus einem nachvollziehbaren Grund, nicht als Strafe:
- Eil- und Nachtarbeit. Verbindlich binnen 24 Stunden kostet +30 %, Same-Day, Wochenende oder Feiertag +50 %. Das ist Kapazitätspreis: Ihr Projekt verdrängt anderes oder verlängert meinen Arbeitstag.
- Unbrauchbare Ausgangsformate. Gescannte PDFs, InDesign ohne IDML, schreibgeschützte Excel-Dateien – jede Datei, die erst in einen übersetzbaren Zustand gebracht werden muss, erzeugt Vorbereitungsaufwand vor dem ersten übersetzten Wort.
- Kein vorhandenes Translation Memory. Beim Erstauftrag gibt es nichts wiederzuverwenden; alles ist No Match. Die Ersparnis durch frühere Berichte stellt sich erst ab dem zweiten Projekt ein.
- Termbase-Aufbau von Grund auf. Wer noch keine gepflegte Terminologiedatenbank hat, für den lege ich sie an. Das ist einmaliger Aufwand, der späteren Berichten zugutekommt – aber zuerst entsteht er.
- Sehr hohe sprachliche Komplexität. Stark idiomatische Vorstandssprache und juristisch mehrdeutige Formulierungen verlangen Abwägung statt Übertragung – das kostet Zeit pro Zeile.
- Thematisches Neuland im Fachgebiet. Etwa ein neues ESRS-Offenlegungsformat, das ich so noch nicht bearbeitet habe: Einarbeitung in eine ungewohnte Berichtsstruktur schlägt sich im Aufwand nieder.
Drei Faktoren, die den Preis senken – wenn sie gegeben sind
In die andere Richtung wirkt vor allem die Wiederverwendung. Meine CAT-Match-Staffel pro Zeile macht das transparent und steht nicht zur Verhandlung – sie folgt schlicht der Trados-Analyse:
- Context-/Perfect-Match: 0,00 €
- Wiederholungen und 100-%-Matches: 0,17 €
- Fuzzy-Matches 95–99 %, 85–94 %, 75–84 %: 0,51 €
- Fuzzy-Matches 50–74 %: 0,68 €
- No Match: 0,85 €
Konkret heißt das: Der wiederkehrende Geschäftsbericht eines Bestandskunden mit etabliertem Memory besteht zu großen Teilen aus 100-%-Matches und Wiederholungen – Bilanzposten, Standardklauseln, Vorjahresformulierungen. Diese Zeilen zahlen Sie zum Bruchteil des No-Match-Satzes. Saubere, CAT-kompatible Ausgangsdateien (Trados-Paket oder SDL-XLIFF, pünktlich, kein PDF-Only) sparen die Formataufbereitung komplett. Und eine gepflegte, importierbare Termbase macht die Terminologie-Einrichtung zu Null Stunden. Drei Bedingungen, die zusammen aus einem 491-Zeilen-Auftrag schnell die Hälfte des Basispreises machen.
Was in meinem Preis enthalten ist – und was nicht
Enthalten
- Pflege Ihres Translation Memory über die Projekte hinweg
- Terminologierecherche im üblichen Projektrahmen
- Eine Korrekturschleife durch mich
- NDA und vertrauliche Abwicklung auf EU-Servern
- Lieferung im vereinbarten Format und eine Rückfragenliste an Sie, wo die Vorlage uneindeutig ist
Nicht enthalten
- DTP- und Layoutarbeit (Satz, Bildunterschriften im Layout, Druckvorstufe)
- Beglaubigte oder beeidigte Übersetzung – die biete ich nicht an; dafür sind ermächtigte Kolleginnen und Kollegen nötig, an die ich gern verweise
- Eil-Aufschlag (+30 % bzw. +50 %), wenn der Liefertermin ihn auslöst
- Ein zusätzliches externes Vier-Augen-Korrektorat, falls Sie eine zweite, unabhängige Lektüre wünschen (separat als Lektorat zu 50 €/Stunde)
Drei Warnsignale bei sehr günstigen Angeboten
Manche Sätze liegen so weit unter dem Markt, dass die Frage nicht „Wie schafft der das?“ lauten sollte, sondern „Was fehlt da?“. Drei Signale lohnen den genauen Blick:
- Keine NDA, keine DSGVO-konforme Infrastruktur. Wenn niemand sagt, wo Ihre noch nicht veröffentlichte Bilanz verarbeitet wird, ist das die wichtigste offene Frage – nicht der Preis. Mehr dazu, wie ich mit vertraulichen Berichtsdaten umgehe, steht im Datenschutzhinweis.
- Kein CAT-Tool genannt. Ohne Translation Memory und Termbase lässt sich Terminologie nicht über die Jahre pflegen – jeder Folgeauftrag wird zum Kaltstart, und Konsistenz zwischen den Berichtsjahren ist Glückssache.
- Keine offengelegte Spezialisierung. Wer als Generalist einen CSRD-Bericht unter Marktniveau anbietet, arbeitet wahrscheinlich mit ungeprüfter Maschinenausgabe oder gibt weiter. Bei ESRS-, IFRS- und HGB-Sprache rächt sich das im Detail.
Warum Preistransparenz kein Risiko ist
Es heißt oft, ein veröffentlichter Satz koste Verhandlungsspielraum. Meine Erfahrung ist das Gegenteil. Auftraggeber, die einmal an einem undurchsichtigen Angebot verbrannt haben, werden zu den treuesten langfristigen Kunden – weil sie eine verlässliche Zahl mehr schätzen als einen vermeintlichen Schnäppchenpreis, der sich auf der Rechnung wieder einsammelt. Wer ein Budget einreichen muss, braucht genau das: eine Zahl, die hält.
Eine vollständige Fachübersetzung Deutsch–Englisch für Geschäfts-, Lage- und CSRD-Berichte berechne ich ab 0,85 € pro Normzeile (55 Anschläge inklusive Leerzeichen, No-Match-Basissatz). Enthalten sind Terminologiepflege, eine Korrekturschleife, NDA-konforme Abwicklung auf EU-Servern und das Fachwissen zu IFRS, HGB und ESRS. MTPE-Nachbearbeitung beginnt bei 0,51 € pro Zeile.
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