Ungefähr ein Viertel eines Geschäftsberichts ist der Bericht vom Vorjahr – dieselben Bilanzierungsgrundsätze, dieselben Boilerplate-Notes, dieselbe Segmentbeschreibung. Wer das jedes Jahr komplett neu übersetzen lässt, zahlt doppelt und riskiert Inkonsistenz. Ein Translation Memory löst beides. So funktioniert es – und das sollten Sie vor der Angebotsfreigabe wissen.
Warum ist ein Viertel meines Geschäftsberichts der Bericht vom Vorjahr?
Legen Sie den Anhang eines beliebigen IFRS-Abschlusses neben den des Vorjahres. Die Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden, die Boilerplate-Angaben zum Risikomanagement, die Segmentbeschreibungen – vieles davon steht Wort für Wort schon im letzten Bericht. Ein Übersetzungsdienstleister wie Pairaphrase bringt es nüchtern auf den Punkt: „It’s likely that your annual reports are filled with repetitive content year-over-year.“
Die höchsten Wiederholungsquoten sehe ich verlässlich in denselben Zonen: den Standard-Notes nach IFRS und HGB, deren Formulierungen sich von Jahr zu Jahr kaum ändern, sowie in Vergütungs- und Governance-Tabellen mit festen Bezeichnungen und fester Struktur. In meinen eigenen Projekten liegt der Anteil an exakten und annähernden Treffern über einen kompletten Geschäftsbericht – je nach Berichtstiefe – oft zwischen einem Viertel und einem Drittel des Textes, bei besonders template-lastigen Abschlüssen auch darüber.
Hier wird aus einer Kostenfrage eine Qualitätsfrage. Ein Geschäftsbericht ist kein Marketingtext, sondern – um es mit Adhoc Translations zu sagen – ein „regulated product, not a marketing translation“. Wenn dieselbe Rückstellungsformulierung in sechs Notes sechsmal leicht anders klingt, ist das nicht nur unschön, sondern ein Prüfungsrisiko. Ein Translation Memory adressiert beide Seiten derselben Medaille: Es senkt die Kosten für Wiederholungen und erzwingt zugleich Konsistenz.
Was ist ein CAT-Tool – und was ist es nicht?
Ein CAT-Tool (Computer-Assisted Translation) wird regelmäßig mit maschineller Übersetzung verwechselt. Das ist der wichtigste Denkfehler auf der Einkaufsseite. Maschinelle Übersetzung erzeugt Text ohne menschliches Zutun – sie „doesn’t require human input“, wie Smartling schreibt. Ein CAT-Tool tut das genaue Gegenteil: Es unterstützt einen menschlichen Übersetzer, ersetzt ihn aber nicht.
Smartling formuliert die Qualitätslogik unmissverständlich: „A computer-assisted translation tool aids professional translators in performing their jobs. Ultimately, the quality of the outcome relies on their linguistic skills.“ Das Werkzeug speichert jedes freigegebene Satzpaar, automatisiert Formatierung und Wiederholungen und sorgt dafür, dass ich dieselbe IFRS-Formulierung nie zweimal neu erfinde. Die fachliche Entscheidung – welche englische Wendung für ‚Grundsatz der Wesentlichkeit‘ die richtige ist – treffe ich, nicht die Software.
Was ist ein Translation Memory in der Übersetzung?
Das Herzstück jedes CAT-Tools ist das Translation Memory (TM): eine Datenbank, die jeden übersetzten Ausgangssatz zusammen mit seiner freigegebenen Zielfassung speichert. Taucht in einem neuen Auftrag ein Satz auf, der schon einmal übersetzt wurde, schlägt das TM die vorhandene Fassung vor. Wie stark ein neuer Satz mit dem gespeicherten übereinstimmt, misst das Tool in drei Kategorien.
- Exakter Treffer (100 %): eine vollständige Wiederholung. LocAtHeart nennt das schlicht: „A 100% match is a full repetition. It is called an exact match.“
- Fuzzy Match (50–99 %): teilweise Übereinstimmung, die ich anpassen muss – von der nahezu exakten 95–99-%-Stufe bis zum niedrigen Treffer bei 50–74 %.
- No Match (neuer Text): alles unter 50 %. LocAtHeart ist hier deutlich: „Matches below 50% are considered useless. They make translation neither better nor faster.“
Eine Sonderstufe verdient Erwähnung: der Context-Match (oft als 101 % geführt) – ein Segment, das nicht nur identisch ist, sondern auch im identischen Kontext steht, also mit demselben vorangehenden und nachfolgenden Satz. Das ist der sicherste Treffertyp und in Folgeberichten besonders wertvoll, weil hier praktisch keine Nachprüfung mehr nötig ist.
Warum zahle ich weniger für Wiederholungen im Geschäftsbericht?
Bevor wir über Rabatte reden, die Bezugsgröße: Ich rechne in Normzeilen, nicht in Wörtern.
Branchenüblich werden exakte Treffer und Wiederholungen bei rund 30 % des Normsatzes abgerechnet, Fuzzy Matches bei rund 70 %. So beschreibt es etwa Globalization Partners: „Repetition and 100% matches are charged at 30% of a new word rate for a language“, während „fuzzy matches are charged at 70% of a new word rate“. Der Grund ist einfach: Ein Fuzzy Match kostet mich mehr Prüfzeit als eine glatte Wiederholung, also kostet er auch mehr.
In meiner eigenen Staffel ist die Abstufung für wiederkehrende Inhalte noch etwas günstiger. Ausgehend vom Basissatz von 0,85 €/Normzeile sieht die Match-Staffel pro Zeile so aus:
- Context-Match (identisches Segment im identischen Kontext): 0,00 €
- Wiederholung / 100-%-Match: 0,17 €
- Fuzzy Match 95–99 %, 85–94 %, 75–84 %: 0,51 €
- Fuzzy Match 50–74 %: 0,68 €
- No Match (neuer Text): 0,85 €
Ein Rechenbeispiel. Nehmen wir einen Berichtsteil mit 1.000 Normzeilen. Die CAT-Analyse ergibt 300 Wiederholungen und 100-%-Treffer, 150 hohe Fuzzy Matches, 50 niedrige Fuzzy Matches und 500 Zeilen neuen Text. Zum vollen No-Match-Satz kostete das 850 €. Über die Staffel gerechnet: 300 × 0,17 € plus 150 × 0,51 € plus 50 × 0,68 € plus 500 × 0,85 € ergibt 586,50 €. Das sind rund 31 % Ersparnis – und zwar ohne jeden Qualitätsabschlag, weil die Wiederholungen aus meinem freigegebenen Bestand stammen.
Größenordnungen dieser Art illustriert auch Smartcat an einem Musterdokument: „If we take a document containing 31 words, where 14 words are new, 12 words are fuzzy matches, and 7 words are repetitions, this means you’ll save almost 40% of the translation cost.“ Ich nenne solche Zahlen bewusst als Richtwert, nicht als Garantie – die tatsächliche Ersparnis hängt jedes Jahr davon ab, wie stark sich Ihr Bericht verändert hat.
Warum verlangen IFRS und HGB TM-Disziplin?
In der Finanzübersetzung sind die Folgen von Inkonsistenz größer als in fast jeder anderen Textsorte. e-kern formuliert es unmissverständlich: „Even minor discrepancies – a misinterpreted IFRS term, inconsistent terminology or a transposed digit – can alter the meaning of an entire report.“ Ein Translation Memory ist damit nicht nur ein Sparinstrument, sondern eine Kontrollinstanz: Es sorgt dafür, dass ein einmal freigegebener Begriff über den gesamten Bericht identisch wiederkehrt.
Erschwerend kommt hinzu, dass deutsche Rechnungslegungsbegriffe nicht eins zu eins auf die englischen IFRS-Entsprechungen abbilden. Leinhäuser weist darauf hin: „A ‚Rückstellung‘ under HGB doesn’t directly map to a ‚provision‘ under IAS 37, because the recognition criteria differ materially.“ Wer solche Begriffe ohne Rücksicht auf das jeweilige Rahmenwerk übersetzt, verschiebt unter Umständen die Aussage des Abschlusses.
Konkret: Wird ‚Grundsatz der Wesentlichkeit‘ über sechs Notes hinweg einmal als ‚materiality principle‘, einmal als ‚principle of materiality‘ und einmal als ‚material threshold‘ übersetzt, entsteht Reibung – erst beim Korrektorat, dann beim Wirtschaftsprüfer, der sich fragt, ob drei Formulierungen drei verschiedene Sachverhalte meinen. Terminologische Konsistenz ist im Prüfungskontext eine implizite Erwartung, kein Kür-Element. Genau diese Disziplin liefert das TM automatisch.
Was macht die Terminologiedatenbank neben dem Translation Memory?
TM und Terminologiedatenbank (Termbase) sind zwei getrennte Werkzeuge, die zusammenarbeiten. Das TM speichert ganze Sätze; die Terminologiedatenbank verwaltet einzelne Fachbegriffe. e-kern beschreibt die Rollenteilung präzise: Translation Memories „store previous translations and ensure consistent terminology across all reports“, während Terminologiedatenbanken sicherstellen, „that all official terms, abbreviations and spellings are automatically used correctly“ – und zwar im Einklang mit IFRS, HGB, ESRS und CSRD.
Für wiederkehrende Kunden führe ich eine kundenspezifische Termbase, in der freigegebene Begriffspaare gesperrt und über alle Folgeprojekte hinweg propagiert werden – das, was Leinhäuser als „company-specific terms, management’s preferred phrasings for key concepts, and historical translation decisions“ beschreibt. Adhoc Translations nennt das den entscheidenden Effekt: „Defined-term decisions captured once and reused, so the same concept never appears under two labels across the notes.“
So sieht ein Ausschnitt einer solchen Termbase in der Praxis aus (illustrativ):
- Rückstellung → provision (IAS 37) – mit Hinweis, dass die HGB-Rückstellung nicht deckungsgleich ist
- Pensionsverpflichtungen → defined-benefit obligations
- wesentliche Tochtergesellschaften → material subsidiaries
- Grundsatz der Wesentlichkeit → principle of materiality (gesperrte Vorzugsvariante)
Wem gehört das Translation Memory – und was passiert beim Anbieterwechsel?
Ein Translation Memory ist kein Nebenprodukt, sondern ein Vermögenswert, den Sie bezahlt haben. Translated bringt es auf den Punkt: „A TM is not just a history of past translations. It is a record of approved terminology.“ Und die Warnung gleich dazu: „If that resource is locked inside a vendor relationship, the business may lose access to work it already funded.“ Ein TM, das im geschlossenen System eines Dienstleisters festsitzt, ohne dass Sie es je herausbekommen, ist ein latentes Risiko für den nächsten Berichtszyklus.
Die technische Absicherung dagegen heißt TMX (Translation Memory eXchange). Laut Wikipedia ist TMX „an XML specification for the exchange of translation memory (TM) data between computer-aided translation and localization tools with little or no loss of critical data“. Das Format ist seit der Spezifikation 1.4b universell unterstützt und erlaubt es, ein TM aus einem Tool zu exportieren und in ein anderes einzulesen. Kleine Einschränkung: Tool-spezifische Metadaten – etwa bestimmte Kontextfelder aus Trados – überstehen den Umweg nicht immer vollständig. Der Kern Ihrer Satzpaare aber bleibt erhalten.
Meine Praxis dazu ist schlicht: Am Ende jedes Projekts händige ich dem Kunden die TMX-Datei aus. Wenn Sie den Dienstleister mitten im Zyklus wechseln, nehmen Sie Ihr freigegebenes Sprachvermögen einfach mit – und der nächste Kollege setzt darauf auf, statt bei null zu beginnen. Das ist keine Großzügigkeit, sondern die ehrliche Konsequenz daraus, wem das TM gehört.
Trados oder Across – was bedeutet das für meinen Zeitplan?
Viele börsennotierte Unternehmen und die für sie tätigen Sprachdienstleister arbeiten mit dem Across Language Server. Across ist ein serverbasiertes System, dessen Architektur bewusst geschlossen ist – der Anbieter beschreibt es selbst so: „Our closed system ensures security for translation projects and automates the processes along the entire supply chain.“ TM und Terminologie liegen zentral auf dem Across-Server; das zentrale Translation Memory ermöglicht laut Across „the reuse of previously translated sentences in subsequent projects“.
Für Sie als Auftraggeber ist die praktische Konsequenz eine Frage der Produktionslogistik: In einem Across-Workflow kann ich eine Datei nicht einfach als SDLXLIFF in Trados Studio öffnen. Ich muss über die Across Translator Edition oder den zugehörigen Web-Connector arbeiten. Wer für einen Across-basierten Kunden übersetzt, braucht deshalb einen Übersetzer, der auch in Across zu Hause ist – sonst entstehen Reibungsverluste beim Dateiaustausch, die keinen Mehrwert bringen und Ihren Terminplan belasten. Es ist kein Qualitäts-, sondern ein Architekturthema: Klären Sie vor Projektstart, in welchem System das TM lebt, dann stimmt der Zeitplan.
Welche drei Fragen sollte ich meinem Übersetzer vor Vertragsschluss stellen?
Wenn Sie ein Angebot für eine Geschäftsbericht-Übersetzung prüfen, entscheiden drei Fragen darüber, ob Sie ein wiederverwendbares Sprachvermögen aufbauen oder jedes Jahr bei null anfangen:
- Liefern Sie mir die TMX-Datei zum Projektabschluss? Ein Nein bedeutet, dass Sie für Inhalte zahlen, ohne sie behalten zu können.
- Ist die Terminologiedatenbank kundenspezifisch und gegen den Einsatz in Drittprojekten gesperrt? Ihre freigegebenen IFRS-, HGB- und ESRS-Begriffe gehören in Ihre Termbase, nicht in eine geteilte Sammlung.
- Wo wird das TM gespeichert, und fällt es unter die Vertraulichkeitsvereinbarung? Vorabzahlen und noch nicht veröffentlichte Kennzahlen dürfen nur dort liegen, wo die NDA greift.
Diese drei Punkte kosten im Gespräch zwei Minuten und ersparen Ihnen im nächsten Zyklus womöglich einen vierstelligen Betrag – und die Rekonstruktion einer Terminologie, die eigentlich längst freigegeben war.
Kurz zusammengefasst
Ein Translation Memory macht aus der strukturellen Wiederholung Ihres Geschäftsberichts zweierlei: einen Wiederholungsrabatt und eine Konsistenzgarantie. Es senkt die Kosten für alles, was schon einmal freigegeben wurde, und stellt sicher, dass ‚Rückstellung‘, ‚Pensionsverpflichtung‘ und ‚Grundsatz der Wesentlichkeit‘ über den ganzen Bericht identisch wiederkehren. Voraussetzung ist ein Übersetzer, der das TM sauber pflegt, die Terminologie sperrt und Ihnen die Daten am Ende aushändigt.
Wie sich das für Ihren nächsten Berichtszyklus rechnet, sehen Sie am schnellsten an einer konkreten Datei. Meine Sätze und die vollständige Match-Staffel finden Sie unter Leistungen & Preise; für eine Analyse Ihres letzten Geschäftsberichts schreiben Sie mir über Kontakt.