Trados Studio 2026 ist seit Ende August 2026 verfügbar – mitten in der Vorbereitung auf die nächste Berichtssaison. Das ist der schlechteste Zeitpunkt für einen blinden Umstieg und der beste für einen geplanten. Hier ist die Checkliste, die ich in genau dieser Reihenfolge abarbeite, bevor ein neues Studio die Produktivumgebung anfasst.
Was aktuell ist – und was Vorab-Information bleibt
RWS hat den Launch im August 2026 bekannt gegeben; die Ankündigung in der RWS Community ist auf den 25. August datiert. Studio 2026 ist also ausgeliefert. Was mit dem Launch aber nicht automatisch verschwindet: Vorab-Seiten aus der Ankündigungsphase. Die Upgrade-Seite von RWS enthält weiterhin Formulierungen aus der Zeit vor dem Release – und einen Hinweis mit handfesten Konsequenzen: Der Upgrade-Pfad von Studio 2021 (Freelance) war nur bis zum 30. September 2026 verfügbar. Dieser Termin ist vorbei. Wer noch auf 2021 arbeitet und über einen Umstieg nachdenkt, sollte die Konditionen nicht aus einer Produktseite ableiten, die möglicherweise veraltet ist, sondern direkt im RWS-Konto beziehungsweise bei Vertrieb und Support klären.
Daraus folgt die Faustregel für den ganzen Rest dieses Artikels: Zwischen „angekündigt“ und „ausgeliefert“ liegt ein Release-Zyklus. Für jede Eigenschaft, die für Ihren Workflow wichtig ist, sind die Release Notes der installierten Version die einzige verlässliche Quelle – nicht die Preview, nicht die Produktseite und auch nicht dieser Artikel.
Was RWS für Studio 2026 angekündigt hat
Die Vorab-Ankündigung von RWS aus dem April 2026 nennt vier Schwerpunkte:
- „Native 64-Bit-Architektur“ – die Migration auf eine echte 64-Bit-Basis, laut RWS der Kern der Geschwindigkeits- und Stabilitätsverbesserungen
- „Trados Termbase (.TTB)“ – ein neues, modernisiertes lokales Termbase-Format, begleitet von Änderungen am Terminologie-Workflow
- „AI that considers document-level context“ – AI-Funktionen, die den Kontext des gesamten Dokuments berücksichtigen sollen
- Updates an Workspace und Benutzeroberfläche
Das sind angekündigte Funktionsbereiche – keine Beschreibung Ihrer künftigen Installation. Wie das Termbase-Format im ausgelieferten Build genau arbeitet, welche Konvertierungswege unterstützt werden und wie die AI-Funktionen konfiguriert sind, steht in den Release Notes des installierten Builds. Wer eine Upgrade-Entscheidung für ein Reporting-Umfeld trifft, sollte auf nichts anderes schwören.
Schritt eins: Inventur, bevor irgendetwas installiert wird
Ein Major-Upgrade in einer Reporting-Umgebung ist kein gewöhnliches Software-Update, sondern ein Change-Projekt mit vielen Abhängigkeiten. Der erste Schritt ist deshalb unspektakulär und unverzichtbar: Bestandsaufnahme. Seit 2008 übersetze ich Geschäftsberichte. Für eine technische Umstellung gilt dieselbe sinnvolle Reihenfolge: erst Abhängigkeiten erfassen, dann installieren.
- Studio- und MultiTerm-Versionen auf allen Rechnern, die Reporting-Dateien anfassen – auch auf dem, der „eigentlich nur gelegentlich aushilft“
- Lizenzstatus: welche Lizenzen, wie viele Arbeitsplätze, welche Upgrade-Berechtigung, wann fällig
- Alle installierten Plug-ins mit Versionsnummer – prüfen Sie für jedes einzeln, ob der Anbieter die Kompatibilität mit Studio 2026 bestätigt
- Projektvorlagen und Dateityp-Konfigurationen, einschließlich angepasster Filter für XML, InDesign oder Excel
- Lokale und gemeinsame Sprachressourcen: Translation Memories, Termbasen, AutoText- und Variablenlisten
- Alles, was ein Dienstleister oder eine interne IT für Sie betreut – Server-Komponenten, Lizenzserver, gehostete Ressourcen
Der letzte Punkt wird am häufigsten übersehen. Wenn Bestandteile Ihrer Umgebung von Dritten verwaltet werden, läuft Ihr Upgrade-Fenster nicht nur über Ihren eigenen Kalender, sondern auch über deren Change-Prozess. Fragen Sie dort zuerst – nicht nach der Installation, sondern davor.
Schritt zwei: den Workflow absichern, bevor er es braucht
Ein Backup, das niemand je zurückgespielt hat, ist eine Vermutung. Vor jedem Eingriff in die Produktivumgebung sichere ich deshalb repräsentative Projekte und Sprachressourcen – und teste, ob sich die Sicherung tatsächlich wiederherstellen lässt.
Zwei weitere Dinge, bevor irgendjemand auf „Installieren“ klickt:
- Ein Rollback-Verantwortlicher mit Namen. Eine Person, die entscheidet, wann zurückgerollt wird, und die das auch kann. „Das Team entscheidet“ bedeutet in der Praxis: Niemand entscheidet.
- Ein leises Zeitfenster. Nicht zum Quartalsabschluss, nicht in der Berichtssaison, nicht in der Woche, in der der Konzernabschluss druckfertig gemacht wird. Ein Pilot braucht vor allem eines: ungestörte Zeit.
Und: Die bisherige Arbeitsumgebung bleibt so lange vollständig verfügbar, bis der Pilot abgenommen ist. Das kann ein zweiter Rechner sein, eine virtuelle Maschine oder eine parallele Installation – Hauptsache, der Weg zurück ist kein Notfallplan, sondern ein normaler Handgriff.
Schritt drei: Pilot mit Kopien, nicht mit Originalen
Der Pilot beantwortet eine einzige Frage: Funktioniert Studio 2026 mit Ihren Dateien, Ihren Filtern und Ihren Leuten? Nicht: Funktioniert es grundsätzlich. Dafür nehme ich Kopien der Projekte, die den Arbeitsalltag am besten abbilden – das Quartalsreporting mit dem sperrigen XML, der Konzernanhang mit den vielen InDesign-Dateien, das Projekt mit dem exotischen Filter, über den alle fluchen. Dann arbeite ich diese Liste durch:
- Projekte öffnen und komplett durchsehen: Segmentierung, Tags, Inline-Filter, eingebettete Inhalte
- Bilingual-Paket-Austausch in beide Richtungen mit einer Kollegin, die noch auf der bisherigen Version arbeitet – Pakete raus, Pakete rein, Rückläufer prüfen
- Alle konfigurierten Dateitypen einmal durch den Filter geben, nicht nur den häufigsten
- QA laufen lassen: Zahlen, Tags, fehlende Segmente, Termtreffer, Segmente mit Nachkommastellen
- Terminologieerkennung prüfen: Wird die Termbase erkannt, vorgeschlagen und angewendet?
- Kommentare anlegen, beantworten und über Paketgrenzen hinweg prüfen – Kommentarthreads sind in der Praxis ein häufiger Stolperstein
- Zieldateien generieren und mit den Exporten der alten Version vergleichen: Struktur, Kodierung, Benennung
- Die Übergabe an die Fachkollegen exakt so durchspielen wie im echten Prozess – nicht verkürzt
Wenn alle acht Punkte durch sind, wissen Sie etwas, das keine Release Notes Ihnen sagen kann: ob es bei Ihnen funktioniert.
Termbasen: nichts annehmen, was nicht dokumentiert ist
Das neue .TTB-Format ist der Teil des Upgrades, bei dem ich am vorsichtigsten bin – und bei dem Sie es auch sein sollten. Termbasen von Berichtsprojekten sind über Jahre gewachsene Bestände; da steckt disziplinierte Arbeit vieler Personen drin. RWS hat das Format als neues, modernisiertes lokales Termbase-Format angekündigt. Was aus dieser Ankündigung nicht folgt: dass bestehende .sdltb-Basen automatisch, vollständig und verlustfrei konvertiert werden. Und ebenso wenig: dass jedes Feld im alten Format ein exaktes Äquivalent im neuen hat.
Konkret heißt das:
- Nie die gemeinsam genutzte Termbase als Testobjekt verwenden – immer eine Kopie
- An der Kopie prüfen: Anzahl der Einträge, Feldstruktur, Hierarchien, Pflichtfelder, Import- und Export-Definitionen
- Abweichungen dokumentieren, bevor sie im Produktivbetrieb überraschen
- Bei geteilten Ressourcen den unterstützten Weg vorher mit RWS klären – nicht den plausibel erscheinenden
AI ist eine eigene Entscheidung – nicht Teil des Upgrades
Reporting-Dateien enthalten häufig unveröffentlichte, kursrelevante Informationen: Zahlen aus dem Konzernabschluss, Nachhaltigkeitskennzahlen, Prognosen. Bevor irgendeine AI-Funktion aktiviert wird, die solche Materialien verarbeiten kann, ist das keine Werkzeugfrage, sondern eine Compliance-Frage.
Ob eine Funktion Text an einen Anbieter übermittelt, dort gespeichert oder zu Trainingszwecken verwendet wird, können Sie ausschließlich den jeweils aktuellen Nutzungsbedingungen und Datenschutzhinweisen des Anbieters entnehmen – nicht der Produktankündigung und auch nicht diesem Artikel. Klären Sie deshalb vor der Aktivierung:
- Nach welcher Datenklassifizierung Ihres Hauses dürfen Reporting-Dateien welchen Anbietern übermittelt werden?
- Welche Prüf- und Freigabeprozesse existieren für neue Anbieter und Dienste?
- Wer trägt die Verantwortung für diese Entscheidung – und trifft sie bewusst, statt dass sie nebenbei mit dem Upgrade passiert?
Mein Rat: Trennen Sie die beiden Entscheidungen. Das Upgrade können Sie sauber piloten und zurückrollen. Eine AI-Freigabe für unveröffentlichtes Berichtsmaterial ist eine Weichenstellung, die man nicht als Beifang eines Werkzeug-Updates mitnimmt.
Go/No-Go: die gestufte Checkliste
- Inventur abgeschlossen und schriftlich festgehalten: Versionen, Lizenzen, Plug-ins, Vorlagen, Ressourcen
- Backups erstellt und die Rückspielung tatsächlich getestet
- Rollback-Verantwortlicher benannt, Pilot-Zeitfenster im Kalender blockiert
- Pilot auf Projektkopien durchgearbeitet – Paket-Austausch mit der alten Version in beide Richtungen geprüft
- Termbase-Verhalten an einer Kopie verifiziert, offene Fragen mit RWS geklärt
- AI-Freigabe als eigene Entscheidung getroffen – oder bewusst vertagt
- Alte Umgebung bis zur Abnahme des Piloten verfügbar gehalten
- Erst danach: schrittweise Migration der Produktionsprojekte – die kritischen zuerst
Fragen an Ihren Sprachdienstleister
Wenn ein Teil Ihrer Übersetzungen extern vergeben ist, betrifft das Upgrade auch diese Schnittstelle. Diese Fragen lohnen sich vor dem Umstieg:
- Welche Studio-Version setzen Sie produktiv ein – und wann planen Sie den Wechsel?
- Wie tauschen wir Projekte aus, wenn wir vorübergehend unterschiedliche Versionen nutzen?
- Haben Sie den Umstieg bereits gepilotet – und mit welchen Dateitypen?
- Wer prüft die gemeinsamen Termbasen, bevor jemand umstellt?
- Wie behandeln Sie AI-Funktionen mit unserem Material, und nach welchen Regeln?
Ich halte meine Arbeitsumgebung in der Berichtssaison grundsätzlich stabil und verschiebe Major-Upgrades in die ruhigen Wochen danach – der Jahresendspurt ist kein Experimentierfeld. Wenn Sie ein Reporting-Team begleiten und wissen möchten, wie ich den Paket- und Dateiaustausch über Versionsgrenzen hinweg handhabe, schreiben Sie mir über die Kontaktseite.