Ende März landet ein 138-Seiten-CSRD-Bericht in meinem Postfach. Veröffentlichung in drei Wochen, gekoppelt an die Hauptversammlung. Wer glaubt, das sei eine Frage von Normzeilen mal Zeit, hat den ersten Fehler schon gemacht. Meine Rechnung wird sechs Phasen abbilden, nicht einen Zeilensatz.
Ich übersetze seit 2008 hauptberuflich DE→EN, und Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte für DAX/MDAX-nahe Kunden sind mein tägliches Brot. Was ein solcher Bericht braucht, ist kein Durchschieben durch die Maschine, sondern ein strukturierter Prozess. Diesen Prozess beschreibe ich hier so konkret, wie ich ihn wirklich fahre – damit Sie als Projektverantwortliche wissen, was Sie beauftragen und woran Sie einen sauberen Ablauf erkennen.
Ein 138-Seiten-Bericht ist übrigens keine Ausnahme. Nach Studien, die Consust zusammengetragen hat, lag der Durchschnitt der CSRD-Nachhaltigkeitserklärungen für das Geschäftsjahr 2024 bei rund 115 Seiten, bei DAX-Unternehmen bei 157 Seiten. Wir reden also über ein umfangreiches, mehrteiliges Dokument – nicht über eine kurze Compliance-Notiz.
Warum ein Nachhaltigkeitsbericht kategorisch anders ist
Bevor ich zur ersten Phase komme, muss klar sein, warum dieser Dokumenttyp aus der Reihe fällt. Es geht nicht um schöneres Deutsch oder eleganteres Englisch. Es geht um rechtlich definierte Begriffe, eine Prüfspur und eine Sprache auf Investorenniveau, die Näherungen nicht verzeiht.
Begriffe wie „materiality“, „taxonomy“, „risks and opportunities“ oder „dual materiality“ haben im Kontext der ESRS eine klar definierte, rechtlich relevante Bedeutung. Eine ungenaue Übersetzung kann diese Bedeutung verändern und regulatorische Risiken auslösen. Das ist keine Stilfrage. Eine schlecht übersetzte Passage kann als irreführende Offenlegung gewertet werden und ein materielles Rechts- und Reputationsrisiko darstellen.
Dazu kommt die Prüfspur. Bei der CSRD-Prüfung mit begrenzter Sicherheit verifiziert der Wirtschaftsprüfer nicht nur Zahlen, sondern die Konformität mit den ESRS selbst und den Prozess, mit dem das Unternehmen die berichteten Informationen identifiziert hat. Das bedeutet für mich: Jede Terminologieentscheidung muss nachvollziehbar und belegbar sein, im Deutschen wie im Englischen. Ich kann nicht „irgendwie sinngemäß“ übersetzen und hoffen, dass es niemandem auffällt. Prüfer richten ihre Ressourcen genau auf die Bereiche mit dem höchsten Fehlrisiko – und das sind die Aussagen zu wesentlichen Auswirkungen, Risiken und Chancen.
Und dann ist da die XBRL-Ebene. Die ESRS-Set-1-Taxonomie – die maschinenlesbare Tagging-Schicht jedes CSRD-Berichts – wurde von der EFRAG nur auf Englisch entwickelt; die Lokalisierung übernimmt die Kommission. Praktisch heißt das: Jedes getaggte Textsegment im finalen Bericht muss dem englischen Taxonomie-Label entsprechen. Weicht meine englische Formulierung von der offiziellen ESRS-Bezeichnung ab, entsteht ein Bruch zwischen menschenlesbarem Text und maschinenlesbarem Tag. Beim Inline-XBRL wird auf drei Ebenen getaggt – ganze Offenlegungsanforderung, Teilabschnitt, Einzelaussage – weshalb ich Segmente sauber und wiederverwendbar liefern muss.
Phase 1 – Brief und Scope: fünf Fragen vor jedem Angebot
Bevor ich eine Zahl nenne, stelle ich fünf Fragen. Jede Antwort verändert die Projektarchitektur, nicht nur den Preis.
- Welcher Dokumenttyp? Eigenständige CSRD-Erklärung, integriertes Kapitel im Geschäftsbericht oder GRI-referenzierter Hybrid? Das ist in Deutschland keine Randfrage: 71 % der Berichterstatter veröffentlichen die Nachhaltigkeitsinformationen integriert, nur 28 % als eigenständigen Bericht. Ein integriertes Kapitel bringt Querverweise auf den Finanzteil mit – und damit Terminologie, die zum Geschäftsbericht passen muss.
- Welches Zielmedium? Editierbare Word-Datei, InDesign-getaggter Export oder Inline-XBRL-HTML? Davon hängt ab, wie ich Tags behandle und in welchem Format ich liefere.
- Gibt es eine Vorjahresübersetzung? Eine englische Fassung des Vorjahrs kann das Translation Memory befüllen und spart bei Wiederkehrern erheblich. Fehlt sie, baue ich das TM neu auf.
- Welche Vertraulichkeitsstufe und NDA-Anforderung? Kursrelevante Berichte vor Veröffentlichung sind Ad-hoc-sensibel. Ich kläre die Geheimhaltung, bevor die erste Datei den Rechner wechselt.
- Welcher Liefertermin – und ist er fix? Ein an die Hauptversammlung oder eine regulatorische Einreichung gekoppelter Termin ist nicht verhandelbar. Das bestimmt, ob ein Eil-Aufschlag greift.
Erst wenn diese fünf Punkte geklärt sind, weiß ich, ob ich über 40 oder über 140 Seiten spreche, über ein oder zwei Rahmenwerke, über einen Neukunden ohne TM oder einen Bestandskunden mit reifem Speicher. Ein pauschaler Wort- oder Zeilenpreis ins Blaue wäre an dieser Stelle unseriös.
Phase 2 – Projekt-Setup in Trados Studio
Trados Studio ist bei dieser Textsorte der professionelle Standard, und zwar wegen der Kombination aus Translation Memory und der Termbank in MultiTerm – beides ist entscheidend für Konsistenz über große, komplexe Dokumente. Ich lege das Projekt mit Segmentierungsregeln an, die auf Nachhaltigkeitsberichte zugeschnitten sind.
Der Grund liegt in der Struktur der ESRS selbst: Sie ordnen die offenzulegenden Informationen unter Offenlegungsanforderungen, und jede Offenlegungsanforderung besteht aus einem oder mehreren einzelnen Datenpunkten. Der ESRS-Index am Berichtsende bildet diese Anforderungen per Label ab – ESRS 2 SBM-3, E1-1 und so fort. Solche Label-Strings, mehrzeilige Tabellenzellen, Fußnoten und Querverweise verhalten sich anders als Fließtext und brauchen eigene Segmentgrenzen. Werden narrative Segmente willkürlich zusammengeführt oder getrennt, scheitert später das dreistufige XBRL-Tagging.
Ich hänge das Master-TM des Geschäftsberichts an und lege ein projekteigenes Kind-TM darüber, damit die diesjährigen Entscheidungen sauber getrennt bleiben. Dann baue ich die Termbank-Hierarchie in dieser Reihenfolge auf:
- ESRS-Amtsbegriffe aus dem EU-Amtsblatt beziehungsweise dem offiziellen EFRAG-Text – die höchste Autorität
- GRI-Indikator-Labels, sofern das zweite Rahmenwerk im Spiel ist
- kundenspezifische KPIs und Kennzahlennamen
- Haus-Stil-Präferenzen des Kunden
Zum Schluss läuft ein Pre-Translate-Durchlauf. Ich sage dem Kunden dann ehrlich, wie viel Prozent der Segmente automatisch aus dem TM vorbelegt sind – und dass diese Zahl nicht „fertig“ bedeutet. Ein 95-%-Match ist ein Vorschlag, kein Freibrief. Jedes vorbelegte Segment wird geprüft, weil sich Kontext, Kennzahl oder ESRS-Bezug gegenüber dem Vorjahr geändert haben kann.
Phase 3 – ESRS- und GRI-Terminologie abgleichen
Das ist der stille Engpass. In meinen Projekten frisst der Terminologieabgleich regelmäßig ein Viertel bis ein Drittel der Gesamtstunden – ein Erfahrungswert aus meinem Projektlog, keine Branchenstatistik. Wer diese Phase unterschätzt, unterschätzt das ganze Projekt.
Konkret bilde ich die offiziellen deutschen ESRS-Formulierungen auf ihre EU-autorisierten englischen Entsprechungen ab und markiere Stellen, an denen informelle deutsche EFRAG-Hinweise vom offiziellen Text abweichen. Drei Begriffspaare tauchen in jedem Projekt auf:
- wesentliche Auswirkungen, Risiken und Chancen → material impacts, risks and opportunities
- Sorgfaltspflicht → due diligence – im offiziellen ESRS-1-Text als der Prozess definiert, „by which undertakings identify, prevent, mitigate and account for how they address the actual and potential negative impacts on the environment and people connected with their business“
- Offenlegungsanforderung → disclosure requirement, samt der Label-Formatkonventionen, die dazugehören
Bei Dual-Framework-Kunden kommt die GRI-Ebene dazu. ESRS und GRI sind bei den Definitionen zu Auswirkungen „fully aligned, wherever possible“, und es besteht ein hohes Maß an Interoperabilität. Aber die Deckung liegt auf Konzeptebene. Die konkreten Indikator-Labels – GRI 305-1 versus ESRS E1-6 – bleiben verschieden und müssen einzeln gegen die jeweils veröffentlichte Norm verifiziert werden. Deshalb prüfe ich GRI-Labels gegen die GRI-Standards-Datenbank, statt mich auf mein Gedächtnis zu verlassen.
Der heikelste Teil sind die kundenspezifischen KPIs. Ich gleiche jede KPI-Bezeichnung gegen die letzte Investorenpräsentation oder das Kapitalmarkttag-Deck ab. Wenn im Nachhaltigkeitsbericht plötzlich eine andere englische Bezeichnung für dieselbe Kennzahl steht als in der Analystenpräsentation, fällt das auf – und zwar genau den Leuten, die es nicht sollten.
Phase 4 – Der Übersetzungsdurchlauf
Ich arbeite zuerst die TM-gematchten Segmente ab, um Konsistenz zu sichern, bevor ich neuen Inhalt anfasse. Boilerplate – Rechtshinweise, Inhaltsverzeichnis, ESRS-Index – behandle ich anders als narrative Abschnitte wie das Strategiekapitel, den Stakeholder-Dialog oder die zukunftsgerichteten Ziele. Boilerplate ist Präzisionsarbeit an fixen Formeln; Narrativ ist Übersetzung im eigentlichen Sinn.
Dann kommt die Realität deutscher Ausgangstexte. Denglisch, uneinheitliche Terminologie, gelegentlich drei verschiedene Begriffe für dieselbe Kennzahl über drei Kapitel hinweg – das ist Alltag, kein Einzelfall. Ich vereinheitliche das im Englischen, dokumentiere aber die Abweichung, damit der Kunde entscheiden kann, ob auch der deutsche Ursprung nachgezogen werden sollte.
Entscheidungen, die dem Kunden gehören, setze ich als Inline-Kommentar und Flag direkt in Trados. Ob ein proprietärer Methodenname übersetzt oder beibehalten wird, entscheide nicht ich allein – das gehört in die Hand des Unternehmens. Ich liefere die Optionen mit Begründung, nicht eine stille Setzung.
Phase 5 – QA und Review
Der Trados-QA-Checker läuft über Terminologie-Treffer, unübersetzte Segmente und Tag-Integrität. Das ist die maschinelle Grundschicht. Darüber liegt mein manuelles Stichprobenprotokoll, und das fängt genau die Fehler ab, die eine Maschine nicht sieht:
- Zahlenstrings und Einheitenumrechnungen – deutsches Dezimalkomma gegen englischen Dezimalpunkt, Tausendertrennung, Einheitenkonsistenz
- die Unterscheidung von Prozent und Prozentpunkten – ein häufiger und materieller Fehler bei der Emissionsintensität, der eine Aussage inhaltlich kippen kann
- zukunftsgerichtete Aussagen, jeweils gegen die deutsche Quelle rückgeprüft, weil eine verrutschte Modalität aus einem Ziel eine Zusage machen kann
Für den Kunden-Review liefere ich keine Trados-Paketdatei, sondern eine zweisprachige Word-Tabelle mit Ausgangs- und Zieltext in parallelen Spalten. So kann ein deutschsprachiger Prüfer im Unternehmen arbeiten, ohne ein Übersetzungstool zu besitzen. Das senkt die Hürde und beschleunigt die Freigabe.
Phase 6 – Lieferung und Asset-Übergabe
Ich liefere die saubere Zieldatei im geforderten Format. Dazu exportiere ich das aktualisierte TMX und die Termbank als kundeneigene Assets – ohne Agentur-Lock-in. Diese Dateien gehören dem Kunden, nicht mir. Nächstes Jahr kann er damit weiterarbeiten, bei mir oder bei jemand anderem.
In die Lieferung lege ich einen kurzen Vermerk mit den TM-Leverage-Statistiken: Wie viel Prozent der Segmente stammen aus dem Master-TM, wie viel aus den Wiederholungen dieses Projekts. Das ist keine Kosmetik – diese Zahl speist direkt die Budgetschätzung für den nächsten Berichtszyklus. Ein Bestandskunde mit reifem TM zahlt strukturell weniger als beim Erstprojekt.
Danach läuft der Bericht weiter durch die Produktionskette des Kunden: Satz beziehungsweise XBRL-Neu-Tagging, Prüfung der englischen Fassung durch den Wirtschaftsprüfer, Veröffentlichung. Weil ich segmentsauber geliefert habe, lässt sich das Inline-XBRL ohne Neuformatierung wieder ansetzen. Genau dafür war die Segmentdisziplin aus Phase 2 da.
Was das für die Beauftragung heißt
Wenn ein Bericht durch sechs Phasen läuft, ist ein simpler Wort- oder Zeilenpreis der falsche Ausgangspunkt. Drei Variablen bestimmen die tatsächlichen Kosten:
- Neukunde ohne TM oder Bestandskunde mit reifem TM. Das ist der größte Hebel – ein gepflegtes Master-TM senkt den Neuübersetzungsanteil spürbar.
- Eigenständige Compliance-Erklärung oder voller 120-Seiten-Bericht. Der Umfang skaliert nicht linear, weil Boilerplate und Narrativ unterschiedlich viel Zeit kosten.
- ESRS-only oder ESRS plus GRI. Das zweite Rahmenwerk vergrößert Phase 3 – die Termbank muss beide Indikatorsysteme abdecken.
Zur Einordnung meiner Sätze, transparent und ohne Verpackung: Meine Fachübersetzung beginnt bei 0,85 €/Normzeile im No-Match. Eine Normzeile sind 55 Anschläge inklusive Leerzeichen. Über die CAT-Match-Staffel wird es günstiger, je mehr aus dem TM kommt – Wiederholungen und 100-%-Matches liegen bei 0,17 €/Zeile, Context-Matches bei 0,00 €. Das ist die konkrete Ersparnis, die ein gepflegtes TM bringt. Marktübliche Fachübersetzungssätze und der JVEG-Satz liegen deutlich höher; ich positioniere mich bewusst darunter, bei Spezialistenqualität. Ein fixer Termin gegen Hauptversammlung kann einen Eil-Aufschlag auslösen (+30 % binnen 24 Stunden, +50 % Same-Day oder am Wochenende) – ein Grund, das Gespräch früh zu beginnen.
Fazit
Sechs Phasen: Brief und Scope, Trados-Setup, Terminologieabgleich, Übersetzung, QA und Review, Lieferung mit Asset-Übergabe. Kein Schritt lässt sich streichen, ohne dass an anderer Stelle ein Risiko entsteht. Der Terminologieabgleich allein bindet in meinen Projekten regelmäßig ein Viertel bis ein Drittel der Gesamtstunden – das ist der Teil, den ein Zeilenpreis nicht sichtbar macht.
Wenn bei Ihnen die Berichtssaison naht, schicken Sie mir das Dokument – oder für den ersten Aufschlag reicht das Inhaltsverzeichnis. Daraus lese ich Umfang, Rahmenwerk und Struktur und wir klären den Scope in einem Gespräch. Leistungen und Preise ansehen oder direkt ein Angebot anfragen.