„Unser Compliance-Framework stärkt die Performance aller Stakeholder.“ Ein Satz aus einem echten Lagebericht, anonymisiert. Auf Deutsch liest er sich glatt, professionell, unauffällig. Wort für Wort ins Englische gespiegelt landet er auf dem Schreibtisch eines Londoner Analysten – und meint dort etwas anderes, als der Vorstand gemeint hat.
Das ist der Denglish-Moment. Er passiert nicht bei der Übersetzung. Er ist im Quelltext bereits angelegt. Drei englischstämmige Wörter, jedes mit einer deutschen Bedeutungsfärbung, die der englische Muttersprachler nicht mitliest – weil er das deutsche Original nie gesehen hat. Genau hier verlieren IR-Abteilungen Berichtssaison für Berichtssaison Qualitätspunkte, und fast niemand in der Briefing-Kette kann den Mechanismus benennen.
Ich übersetze seit 2008 hauptberuflich Geschäftsberichte und Finanzkommunikation aus dem Deutschen ins Englische, über 7.000 Aufträge. Dieser Artikel erklärt, warum deutsches Berichtsdeutsch so schwer natürlich ins Englische zu bringen ist – und was das für Ihr Übersetzungs-Briefing bedeutet.
Was Denglish in der Unternehmenskommunikation ist – und was nicht
Der Duden führt „Denglisch“ als abwertende Bezeichnung für Deutsch mit zu vielen eingemischten englischen Ausdrücken; der Begriff ist erstmals 1965 belegt, also lange vor der Anglizismus-Welle, die mit der wirtschaftlichen Öffnung ab 1989 Fahrt aufnahm. Für die Übersetzung eines Geschäftsberichts ist die abwertende Konnotation zweitrangig. Interessant ist der Mechanismus.
Zunächst die Abgrenzung: Nicht jeder Anglizismus ist ein Problem. IFRS, GRI, CSRD, ESRS, Scope-3-Emissionen – das sind feststehende Fachtermini, die man nicht übersetzt, sondern übernimmt. Wer aus „IFRS“ etwas Deutsches machen will, macht es schlechter. Diese Loan-Terms sind Werkzeuge, keine Störung.
Die relevante Kategorie ist eine andere: die systematische Übernahme englisch geformter Wörter, die im deutschen Gebrauch eine deutsch gefärbte Bedeutung tragen. Kein gelegentlicher Anglizismus, sondern ein Muster – endemisch in den Lageberichten von DAX- und MDAX-Unternehmen, in Nachhaltigkeitsnarrativen und Strategiekapiteln. Wie akut das Phänomen in der deutschen Konzernsprache ist, zeigt ein einziger Fall: Die Deutsche Bahn – ein Unternehmen, dessen Name selbst deutsch ist – fand ihre interne Kommunikation so von Anglizismen durchsetzt, dass sie im Juni 2013 eine Richtlinie mit einem Glossar von 2.200 englischen Begriffen erließ, die durch deutsche Entsprechungen ersetzt werden sollten. 2.200 Termini sind kein Einzelfall. Das ist ein System.
Kategorie 1: Governance-Pseudonyme
„Compliance“, „Performance“, „Stakeholder“, „Corporate Governance“ – im deutschen IR-Text funktionieren diese Wörter als Bausteine mit einem eigenen, deutsch geprägten Bedeutungsfeld. Der Vorstand, der von „unseren Stakeholdern“ spricht, meint einen breiten, oft diffusen Kreis von Anspruchsgruppen. Der englische Reader liest „stakeholders“ mit dem enger regulierten Beiklang der angelsächsischen Governance-Debatte. Grammatisch ist die wörtliche Übertragung korrekt. Für den Londoner Equity-Analysten ist sie irreführend, weil das Wort bei ihm ein anderes Feld aufruft.
Das Paradebeispiel ist das „Vier-Augen-Prinzip“ – Standardvokabular in deutschen Geschäftsberichten und in der Prüfungssprache. Spezialisierte Übersetzungsliteratur beschreibt die wörtliche englische Fassung „four-eyes principle“ als „a questionable but widely accepted term in German“: Es gibt sie im echten englischen Berufsgebrauch schlicht nicht. Idiomatisch heißt das „double-checked“ oder „third-party review“. Wer „four-eyes principle“ schreibt, produziert grammatisch einwandfreies Englisch, das ein britischer Wirtschaftsprüfer nicht als Fachbegriff erkennt. Das „Prinzip“ ist eine Lehnübersetzung von „principle“ – ein Anglizismus, der als Anglizismus getarnt zurückwandert und dabei seine Bedeutung verliert.
Noch tückischer ist der „Claim“. In der deutschen Marketing- und Markensprache bezeichnet „Claim“ das, was englische Muttersprachler „slogan“ oder „tagline“ nennen. Im tatsächlichen Englisch trägt „claim“ dagegen eine juristische Bedeutung – häufig im Kontext von Versicherungsansprüchen – oder meint eine belegbare Behauptung über ein Produkt. Ein Strategiekapitel, das vom „Claim“ des Unternehmens spricht und wörtlich übersetzt wird, suggeriert dem institutionellen Leser, das Unternehmen erhebe einen rechtlichen oder beweispflichtigen Anspruch. Das Gegenteil des gemeinten Marken-Registers.
Kategorie 2: Das IFRS-Round-Trip-Problem
Die zweite Kategorie ist die heimtückischste, weil sie im geprüften Abschluss sitzt. Viele Termini wurden ursprünglich in englischen IFRS-Standards geprägt, in die deutsche Bilanzierungspraxis übernommen – mit leichter Bedeutungsverschiebung – und werden nun wieder ins Englische zurückübersetzt. Jede Runde führt einen kleinen Fehler ein. Im testierten Abschluss sind kleine Fehler nicht klein.
Dass die Grundlage bereits wackelt, ist dokumentiert. Die zweisprachige Wiley-Ausgabe der EU-IFRS stellt fest, die deutsche Übersetzung sei „in some places inexact or even wrong“. Befragte Praktiker bestätigen: „exact equivalence cannot be achieved“ – der Übersetzer muss interpretieren statt Wort für Wort umsetzen. Wer meint, er übersetze einen Standard, übersetzt in Wahrheit eine bereits driftende deutsche Fassung dieses Standards.
Ein konkreter Beleg: In IAS 32, Paragraph AG 19, zählt der englische Text „interest rate and currency swaps, interest rate caps, collars and floors“ auf. Der deutsche amtliche Text listet nur „Zins- und Währungsswaps, Collars und Floors“ – die „interest rate caps“ fehlen vollständig. Ein Begriff, der im englischen Quelltext existiert, ist für den deutschen Verfasser unsichtbar. Und ein deutsches Bilanzkommentar, das gegen diesen deutschen Text geschrieben und dann ins Englische zurückübersetzt wird, kann einen Terminus nicht wiedereinführen, der in der Quelle des Verfassers nie stand. Dieselbe Untersuchung dokumentiert in IAS 36 einen zweiten Strukturfehler, bei dem das Wort „current“ seinen grammatischen Bezug wechselt und den Satz inhaltlich verschiebt.
Dazu kommt der Klassiker: „Abschreibungen“. Spezialisierte Finanzübersetzer beschreiben ihn als „possibly the most challenging term to translate in financial reports“, weil das Englische je nach Anlageklasse drei verschiedene Wörter verlangt – depreciation bei Sachanlagen, amortisation bei immateriellen Vermögenswerten, impairment loss bei Wertminderung. Wer den deutschen Sammelbegriff aufnimmt, ohne die Anlageklasse zu prüfen, überträgt ihn systematisch falsch. Verschärft wird das dadurch, dass IFRS selbst „a work in progress“ sind: Aus „balance sheet“ wurde „statement of financial position“, aus „income statement“ das „statement of comprehensive income“. Ein deutscher Verfasser, der aus einer älteren deutschen Standardfassung arbeitet, und ein Übersetzer, der diese Fassung zurückspiegelt, konservieren überholte englische Terminologie, ohne es zu merken.
Kategorie 3: Denglish auf der Strategieebene
„Footprint“, „Roadmap“, „Full Potential“, „Rollout“ – Beratungsenglisch, das sich in deutsche Strategienarrative eingenistet hat und dort eine eigene Färbung annimmt. Der „Footprint“ meint im deutschen Bericht oft die operative Präsenz oder das Standortnetz, nicht den geographischen oder ökologischen Fußabdruck, den der englische Leser assoziiert. Die „Roadmap“ liest sich im Deutschen häufig als fester Zeitplan mit verbindlichen Meilensteinen, während „roadmap“ im Englischen eher eine Absichtserklärung ist. Wer diese Wörter zurück ins Englische überträgt, produziert authentisch klingenden, aber leicht falschen Text. Das ist meine Praxisbeobachtung aus vielen Projekten, kein Lehrbuchsatz – aber es ist ein Muster, das sich in fast jedem Strategiekapitel wiederholt.
Belegbar ist die Grundmechanik: Termini wie „Marketing“, „Headhunter“, „Soft Skills“, „Outsourcing“, „Benchmarking“ und „Networking“ sind so tief in der deutschen Unternehmenssprache verankert, dass spezialisierte Übersetzer sie „by no means ‚no-brainers‘“ nennen. Jeder verlangt eine Entscheidung – englische Form beibehalten oder deutsch resonante Entsprechung wählen – weil die Bedeutung im deutschen Gebrauch von der Ausgangssprache abgedriftet ist. Bezeichnend: Im juristischen und medizinischen Bereich finden sich praktisch keine Anglizismen. Der Geschäftsbericht sitzt genau auf der Bruchlinie zwischen juristisch-finanziellem und strategischem Register – und ist damit ein Hochrisiko-Text.
Die Nachhaltigkeitsberichterstattung addiert eine eigene Ebene. GRI, SASB, TCFD, die EU-Taxonomie und ESRS sind Rahmenwerke, deren Terminologie im Englischen – oder, bei ESRS, in einem EU-Regulierungsumfeld mit Englisch als Arbeitssprache – entstanden ist. Das deutsche Nachhaltigkeitsnarrativ wird in einer von Anglizismen gesättigten Textumgebung verfasst. Zurück ins Englische übersetzt, produziert es entweder redundante Anglizismen oder semantisch verschobene Paraphrasen. Und ESG-Terminologie muss über alle Dokumente konsistent sein: Begriffe wie „stakeholder engagement“, „double materiality“, „material topics“ und „governance“ müssen identisch verwendet werden – „a term may be technically correct, but if the sentence around it sounds too promotional, too cautious or too literal, the translated report can still send the wrong signal“.
Warum die interne Prüfung das nicht abfängt
Hier liegt der Grund, warum Denglish überlebt. Deutschsprachige Lektorinnen und Lektoren lesen über die eingedeutschten Anglizismen hinweg, weil diese Teil ihres eigenen Registers sind. „Unser Compliance-Framework“ klingt für sie nicht falsch – es klingt nach Bericht. Der englische Muttersprachler, der die übersetzte Fassung Korrektur liest, hat den umgekehrten blinden Fleck: Er hat den deutschen Quelltext nie gesehen und kann deshalb nicht erkennen, dass ein grammatisch tadelloser englischer Satz eine deutsch gefärbte Bedeutung trägt.
Das Problem taucht deshalb erst auf, wenn ein englischsprachiger Investor, Analyst oder Prüfer fragt, was der Satz eigentlich meint. Typischerweise nach dem Filing. Der weit verbreitete Workflow „übersetzen und vom Muttersprachler prüfen lassen“ versagt genau an dieser Stelle: Der prüfende Muttersprachler kann Register-Drift, den Denglish im Quelltext erzeugt, gar nicht sehen, wenn er die deutsche Vorlage nicht kennt.
Was das für Ihr Übersetzungs-Briefing bedeutet
Praktisch heißt das für IR-Teams und LSP-Projektmanagerinnen: Markieren Sie die Denglish-anfälligen Abschnitte schon im deutschen Quelltext. Strategiekapitel und Governance-Passagen, die von Nicht-Linguisten aus dem Senior Management verfasst wurden, tragen das höchste Risiko. Nehmen Sie diese Stellen in das Terminologie-Briefing auf – nicht als Stilfrage, sondern als Klärungsbedarf: Was ist mit „Claim“, „Footprint“, „Performance“ an dieser Stelle konkret gemeint?
Und verlangen Sie einen Übersetzer, der das deutsche Original tatsächlich liest und versteht, statt nur eine englische Fassung durchzuwinken. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Unter den zehntausenden freiberuflichen Übersetzern im Sprachpaar Deutsch–Englisch schätzt ein spezialisierter Sprachdienstleister die Zahl derer mit dem nötigen Bilanzierungswissen für IFRS-Geschäftsberichte auf „just under 100“. Diese Knappheit verschärft jedes andere Risiko – und Automatisierung löst sie nicht: KI ist laut derselben Quelle „inconsistent in language, does not adhere to formatting guidelines and is faulty“.
Der bilinguale Vorteil: zwei Sprachinstinkte gleichzeitig aktiv
Ich bin zweisprachig aufgewachsen – deutscher Vater, amerikanische Mutter. Das klingt nach Lebenslauf-Anekdote, ist aber der eigentliche Mechanismus hinter dem, was ich hier beschreibe. Wer eine Sprache über die andere „decodiert“, merkt einen Lehnübersetzungs-Satz erst, wenn er ihn analysiert. Bei mir läuft das anders herum: Ein calquierter Satz fühlt sich falsch an, bevor ich die Falschheit benennen kann. „Four-eyes principle“ stolpert, bevor ich weiß, warum. „The company’s claim“ zieht die juristische Bedeutung heran, ohne dass ich sie suche.
Das ist keine Qualitätssicherungs-Prozedur, die man abhaken kann. Es ist eine Wahrnehmungs-Grundlinie. Und es ist der Grund, warum die Qualität über mehr als 7.000 Projekte konstant bleibt – nicht weil eine Checkliste den Fehler fängt, sondern weil beide Sprachinstinkte gleichzeitig aktiv sind, während der Satz entsteht. Der englische Instinkt widerspricht dem deutschen, bevor der Fehler auf dem Papier steht.
Praxis-Checkliste: 5 Signale im deutschen Entwurf
Diese fünf Signale sagen mit hoher Trefferquote voraus, dass die englische Fassung Denglish-Probleme bekommt. Prüfen Sie den deutschen Entwurf dagegen, bevor er finalisiert wird:
- Strategie- oder Governance-Kapitel, die von Nicht-Linguisten aus dem Senior Management verfasst wurden – dort sitzt das Beratungsenglisch am dichtesten.
- Der Quelltext verwendet englischstämmige Wörter in deutscher Plural- oder Flexionsform: „die Stakeholder“, „unser Compliance-Framework“, „die Roadmaps“. Die Einbettung in die deutsche Grammatik ist das Warnsignal.
- IFRS-Anhangsprache, die aus einer früheren englischen Fassung ins Deutsche übersetzt und nun wieder ins Englische zurückgeführt wird – der klassische Round-Trip mit kumulierter Drift.
- Ein Nachhaltigkeitsnarrativ, das gegen eine GRI-/ESRS-Vorlage mit englischen Abschnittstiteln geschrieben ist – die Textumgebung ist bereits anglizismengesättigt.
- Es existiert kein freigegebenes zweisprachiges Glossar für die Einheit. Spezialisierte Dienstleister pflegen dedizierte Terminologiedatenbanken nach Kundenpräferenz; fehlt sie, driftet jeder Bericht neu.
Quelltextqualität als Risikofeld
Der Kern in einem Satz: Das Problem steckt nicht in der Übersetzung, es steckt im Quelltext. Denglish im deutschen Entwurf gehört deshalb genauso in das Geschäftsbericht-Briefing wie fehlende Daten oder ein verspäteter Sign-off. Es ist ein Workflow-Risiko, kein Geschmacksthema – und es ist eines der wenigen, das sich vollständig auf der deutschen Seite beheben lässt, bevor überhaupt jemand übersetzt.
Ein konkreter erster Schritt: Geben Sie die fünf Signale an die verantwortliche Redakteurin oder den Redakteur weiter, bevor der deutsche Entwurf eingefroren wird. Wenn Sie die englische Fassung anschließend in erfahrene Hände geben wollen, finden Sie meine Leistungen und Preise hier – oder Sie schildern mir Ihr Projekt direkt über das Kontaktformular.